1. Bericht aus Island (6. August 2007)

Ingolfsskali, 6.August 2007

Liebe Freunde in der Heimat,

Wie in jedem zweiten Jahr bin ich auch in diesem Sommer wieder auf einer wissenschaftlichen Forschungsreise unterwegs. Nach Nepal 2001, Bolivien 2003 und Oman 2005 ging es diesmal mit den Meteorologen der Universität München nach Island. Mit von der Partie sind auch eine Gruppe der Universität Bergen (Norwegen) sowie isländische Kollegen.

Das diesjährige Forschungsobjekt ist der Gletscherberg Hofsjökull, der etwa im Zentrum der Insel liegt und ein Fläche von 925 Quadratkilometern bedeckt. Eine Überquerung, egal in welcher Richtung, wäre ein Fußmarsch von knapp 40 km!

Speziell die Winde auf und am Rande des Hofsjökulls haben es die Meteorologen angetan. Mit Computermodellen hat man den Wind daheim schon simuliert und will nun die Richtigkeit der Modelle durch Messungen verifizieren. Nicht zuletzt dienen solche Modelle, die sich abgewandelt auch auf unsere mitteleuropäischen Verhältnisse anwenden lassen, der langfristigen Verbesserung der Wettervorhersage.

Für die Vermessung der Winde am Hofsjökull werden 18 für die Dauer des Vorhabens fest installierte Bodenmessstationen sowie Ballons und meine Meteodrohnen eingesetzt. Mit den Ballons, die mit Theodoliten verfolgt werden können Windgeschwindigkeit und -richtung über der Höhe ermittelt werden, während meine Flieger die dazugehörenden Temperatur- und Feuchteprofile aufzeichnen. Der Einsatz von Meteodrohnen nach Art eines Modellflugzeuges ist im Gegensatz zu Ballonsonden erheblich kostengünstiger, da die Drohne mit ihrer Instrumentierung nach jedem Flug sicher gelandet und beliebig oft wieder eingesetzt werden kann.

Zu Beginn der intensiven Messperiode Mitte August wird auch Stephan Lämmlein von der Modellfluggruppe Markdorf zu unserer Gruppe stoßen. Fünf Wochen haben sich die Meteorologen für ihre Messungen Zeit genommen, bevor sie Ende August wieder heimatliche Gefilde ansteuern.

Vor der eigentlichen Forschungskampagne haben wir (meine Frau Catherine und ich) uns zwei Wochen Zeit genommen, um die Insel gründlich zu erkunden. Mit einem Mietauto (Vierradantrieb ist praktisch Pflicht, wenn man sich nicht auf die asphaltierte Ringstraße beschränken will) ging es gleich für drei Tage ins Hochland nach Kjölur und Kerlingarfjöll. Nach Verlassen des grünen Tieflands im Süden ändert sich die Landschaft schlagartig: Weit und breit nur steinige Wüste, eingefasst von den Gletscherbergen Langjökull im Westen und Hofsjökull im Osten. Erinnerungen an den Altiplano kamen auf. Wegen der ungewöhnlichen, fünfwöchigen Trockenperiode auf Island war es nicht minder staubig, die Berghänge nicht weniger kahl. Nur der Höhenmesser zeigte 450 anstatt 4500 m an.

Also genug Sauerstoff für eine Bergtour ohne vorangegangene Akklimatisation. Im Kerlingerfjöll bestiegen wir den 1488 m hohen Snaekollur über seinen nordseitigen Gletscher. Ein Ambiente wie in den Ostalpen auf 3500 m! Gleich nebenan lag jedoch ein verwinkeltes Geothermalgebiet, in dem es überall zischte und dampfte. So etwas gibt es in unseren heimischen Altpen nicht!

Überhaupt ist auf Island der Kontrast zwischen warm (den heißen Quellen, Geysieren usw.) und kalt (den gewaltigen Gletschern und dem in der Regel rauhen und stürmischen Wetter) allgegenwärtig. Zum Glück wissen die Isländer beides in idealer Weise miteinander zu kombinieren. Jedes bessere Hotel sowie auch manche Berghütten verfügen über Ihren „Hot Pot“, einem gemütlichem Warmwassersitzbecken, das aus der nächsten warmen Quelle gespeist wird. Hier entspannt man sich nach getaner Arbeit oder einem ordentlichen Fußmarsch und lässt den Tag noch einmal Revue passieren. Auch so manche Vereinbarung zwischen Geschäftsleuten soll in der Wärme des Hot Pots ausgehandelt werden.

Eine organisierte Busreise führte uns anschließend einmal rund um Island. Die schnelle Ringstraße wurde weitgehend gemieden, um möglichst die wenig besiedelten Küstenregionen im Westen und Osten kennenzulernen. Zu den Höhepunkten zählten die Vogelflesen Latrabiarg, die einsamen Westfjorde, das isländische Nordkap bei Raufarhöfn, das den Polarkreis nur um wenige hundert Meter verfehlt und die mit Eisbergen gespickte Lagune Jökulsarlon am größten isländischen Gletscher, dem Vatnajökull.

Besonders beeindruckend sind die isländischen Wasserläufe. Ob glasklare Quellwasserbäche oder mächtige, von den großen Gletschern gespeiste Ströme, überall trifft man hier auf Wasser. Geländestufen werden in tosenden Wasserfällen überwunden, darunter auch der Dettifoss, der größte europäische Wasserfall mit einem Durchfluss von 190 Kubikmetern pro Sekunde.

Nach fast 5000 Straßenkilometern hatten wir von Island nahezu alles gesehen, was Island an touristischen Höhepunkten zu bieten hat. Zeit also, dass ich mich der wissenschaftlichen Aufgabe widmete. Am 29. Juli fuhr ich von Reykjavik mit dem Bus nach Norden um mich in dem kleinen Örtchen Varmahlid von meinen Kollegen abholen zu lassen. Nach zwei Stunden Hochlandfahrt war unsere Hütte Ingolfsskali am Nordrand des Hofsjökull-Gletschers erreicht. Auf 850 m Höhe war endgültig Schluss mit den Annehmlichkeiten der ersten beiden Wochen. Die Schönwetterperiode war vorbei. Permanenter, zum Teil eisiger Wind rüttelt am Gebälk. Schauer kommen und gehen. Strom gibt es nur aus Solargeneratoren, die jedoch Unterstützung von einem Benzingenerator benötigen. Wasser wird aus dem nahen Fluss, aus der Regenwassertonne oder – für die Küche – aus einem weit entfernten Quellwasserfluss geholt. Duschen ist nur bei Schönwetter unter der Solardusche möglich.

Das Beständigste am isländischen Wetter ist zum Glück in seinem fast täglicher Wechsel. Aprilwetter hoch drei! Somit boten sich uns in den ersten acht Tagen bereits drei gute Messtage, während der die Pilotierballons und meine Meteodrohne „Kali“ zum Einsatz kamen. Aber hierzu später in meinem zweiten Rundbrief, den ich wegen fehlendem Internetzugang vielleicht erst nach meiner Rückkehr nach Deutschland abschicken kann.

Viele Grüße, fast vom Polarkreis,

Wolfgang


Ingolfsskali, August 6th, 2007

Dear friends,

As every second year I am again on a scientific research tour. After Nepal in 2001, Bolivia in 2003 and Oman in 2005, I joined the meteorologists from Munich university on their expedition to Iceland. More participants from Bergen university (Norway) and Icelandic colleagues are also with our team.

This year’s object of interest is the glacier mountain Hofsjökull, located more or less in the center of the island, covering 925 square kilometers. Crossing this area would mean a 40 km hike, independent from the direction you choose!

Special interest is paid to the winds across and surrounding Hofsjökull. Using computer models, the scientists already simulated the wind flows at home. The current task is the verification of these models by on-site atmospheric measurements. Such models can be adapted to central European meteorological conditions and - in the end - contribute to an enhancement in general weather forecast.

For the duration of the campaign, 18 ground stations containing different measurement equipment have been set up on and around Hofsjökull glacier. In addition, balloon ascends and my meteo drones are used. The balloons are tracked by theodilites to record wind speed and direction vs. altitude. The meteo drones collect temperature and humidity profiles as additional data. The use of meteo drones has a significant cost advantage over meteo balloon soundings (that are lost after each flight) because it can be safely landed and re-used for many ascends.

Prior to the intensive measurement period starting mid of August, Stephan Laemmlein from the Modellsportgruppe Markdorf will join us as second drone pilot. Five weeks of total measurement time are scheduled before the scientists will come home end of August.

During the two weeks before the campaign, my wife Catherine and I toured around Iceland to get knowledge about the different countrysides and their people. For the first three days we took a rental car (4WD is mandatory if you do not want to restrict yourself to the paved ring road) and explored the central highlands driving the Kjoelur road to Kerlingarfjoell. When leaving the green lowlands in the south, the landscape immediately changed: only stony desert in between the glacier mountains Langjoekull in the west and Hofsjoekull in the east. Remembrances of the Bolivian Altiplano came up. Because of the very exceptional dry weather in June and July, the Icelandic highlands were not less dusty. Only the altimeter indicated 450 m elevation instead of 4500.

Consequently there was enough oxygen to go for a mountain tour without any acclimatisation. We climbed Snaekollur (1488 m) via its north side glacier. It was like walking at 3500 m in the eastern Alps. Just beside there was a nice geothermal area with smoking holes everywhere. This, of course, is unique to Iceland and cannot be found in our Alps.

By the way, the contrast between hot (warm springs, Geysirs etc.) and cold (the mighty glaciers and the mostly rough and stormy weather) is present everywhere across Iceland. Fortunately, the Icelandic people have learnt how to combine both in an ideal way. Most of the hotels and some of the mountain huts have their own Hot Pots. This is a comfortable, warm water sitting pool that is fed by a near by hot spring. Here people can relax after work or after a log walk. It is said that also business arrangements are negotiated in the warmth of Icelandic hot pots.

The following 13 days lead is once around the island by an organised bus tour with comfortable hotel accommodation. As often as possible we left the fast ring road to see the scarcely populated coastal regions like the western and eastern fjords. The highlights of this tour were bird watching at Latrabiarg sea cliff, the Icelandic “north cape” near Raufarhofn that miss the arctic circle only by some hundreds of meters and the Julsarlon lagoon full of floating icebergs that braek off from Iceland’s largest glacier Vatnajokull.

Of particular impression was the variety of Icelandic water flows. Crystal clear spring water rivers, mighty stream of grey-brown glacier water, where ever you are you encounter water. Steps in the valley profiles are passed by impressive water falls, among those the Dettifoss falls with a flow of 190 cubic meters per seconds, figuring Europe’s number one.

After nearly 5000 kilometers on roads, we had seen nearly all of Island’s touristic highlights. So it was time for me to take care of the scientific task that is the main reason for being here. On 29th of July I took the bus from Reykjavic to the small town of Varmahlid (not more than a gas station and a shop) where I was picked up by an Icelandic colleague. After a two hours highland drive I arrived at my final destination, the mountain hut Ingolfsskali, located one kilometre off Hofjokull’s glacier rim. At an altitude of 850 m (please add 2000 m to have comparable condition in the Alps) all the luxuries of the first two weeks were definitely passed. Especially the weather conditions returned to normal. Permanent icy winds are continuously shaking the wooden construction of the tiny hut. Rain showers pass at any hour of the day. Some electricity is available from solar generators, but need support from out fuel generator. Water comes from the near-by glacier river, from the rain water bucket or - for the kitchen - from a far-away spring water flow. Showers are only possible outside from the solar heated shower bag.

Fortunately, the most constant feature of Icelandic weather is its variability, like European weather in April. So we already had three excellent measurement days, and could work with the pilot balloons and fly my meteo drone Kali. More details about the meteorological work will follow in my next report. Due to the lack of internet access, it might be possible that the second report will be mailed only after my arrival in Germany.

Greetings from close to the arctic circle,

Wolfgang





Das Geothermalgebiet Hveravellir an der Kjölur-Hochlandroute

The geothermal area Hveravellir on the Kjoelur highland route



Die Gipfel von Kerlingarfjöll mit dem Langjökull im Hintergrund

Kerlingarfjoell mountains with Lanjoekull glacier in the background

Donnern stuerzt der Gulfoss-Wasserfall in seine Schlucht

Mighty waterfall at Gullfoss



Putzige Papageientaucher besiedeln die Felsen von Latrabjarg

Fratercula Arctica (I don’t know the English name) at Latrabjarg seacliff

Zur Walbeobachtung startet man in Husavik auf schmucken Holzbooten

Pretty wooden ships take the tourists on wale watching tours in Husavik



Unsere Hütte Ingolfsskali im letzten Abendlicht

Our hut Ingolfsskali in sunset light



 MFG-Markdorf, 9. August 2007